Station 6: Altes Rathaus

Aufbau einer Städtepartnerschaft nach Wittenberg

Herbert Schmidt, damaliges Mitglied des Göttinger Stadtrates, war am Aufbau einer Städtepartnerschaft mit der Lutherstadt Wittenberg beteiligt.

Der Auswahlprozess der Städtepartnerschaft in der DDR gestaltete sich aus Göttinger Sicht schwierig. Die Stadt Göttingen konnte keinen direkten  Kontakt zur einer Stadt in der DDR aufnehmen. Die Auswahl der Partnerstadt in der DDR wurde von höchsten politischen Gremien der DDR zentral entschieden. So waren u.a. Halle, Greifswald und schließlich auch die Lutherstadt Wittenberg nacheinander im Entscheidungsprozess.

Dies wurde beispielsweise sichtbar, als nach der Kündigung eines Diskussionsprozesse zwischen der SED und der westdeutschen SPD im Sommer 1989 eine Göttinger Delegation die Lutherstadt Wittenberg im September 1989 besuchte, „die Delegation aus Göttingen trotz Einladung vor verschlossenen Rathaustüren in Wittenberg stand. Die ersten Reaktionen darauf fielen auf Seiten der Göttinger Politiker ambivalent aus. Einerseits gab es eine gewisse Enttäuschung über den wenig bekannten neuen Partner, andererseits bestand natürlich eine Freude darüber, dass überhaupt so eine deutsch-deutsche Partnerschaft entstehen kann. In den ersten Jahren, vor der Wiedervereinigung, fand ein Austausch im Rahmen sogenannter „internationaler Begegnungen“ auf sportlicher, kultureller und kommunalpolitischer Ebene statt. Jedoch blieb ein kultureller Austausch mit den Bürgern aus, es gab immer strenge Zeitpläne und die Parteifunktionäre ließen bei den Veranstaltungen keine Gelegenheit ungenutzt, den Sozialismus als überlegenes Gesellschaftsmodell anzupreisen und die angebliche demokratische Ausrichtung der selbsternannten „Diktatur des Proletariats“ zu loben. Dies wurde speziell sichtbar, als nach einer von Seiten der DDR kritisierten verschärften „Ostpolitik“ der Bundesregierung die Delegation aus Göttingen vor verschlossenen Rathaustüren stand und nach dem verspäteten Einlass einen ausführlichen Propagandavortrag ertragen mussten. Doch kam es auch zu außerplanmäßigen Begegnungen vor Ort, zum Beispiel mit dem oppositionellen Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer, wie der damalige Göttinger Ratspolitiker Herbert Schmidt erzählt.

Schorlemmer war ganz aktiv in der Friedensbewegung der DDR und war später wie Angela Merkel, Mitglied des Demokratischen Aufbruchs (DA). Im Herbst 1989 hielt er während der „Friedlichen Revolution“ zahlreiche Reden.

Der DA wurde im Oktober 1989 gegründet. Im Dezember konstituierte sich die politische Gruppe als Partei. Neue Parteien und Oppositionsgruppen wurden erst aufgrund des Drucks der Friedlichen Revolution, der Massendemonstrationen und der Massenfluchten im Herbst 1989 von der SED zugelassen.

In den Reden und Diskussionen im Herbst 1989 ging es darum, wie die DDR demokratisch gestaltet werden könnte. Diese Fragen wurden in den verschiedenen politischen Gruppierungen, die bis zum Herbst 1989 in der DDR verboten waren, diskutiert und formuliert. Ähnliche Entwicklungen gab es gleichzeitig in den anderen kommunistischen Staaten Ost-Mitteleuropas, etwa in Polen und in Ungarn. Um Fragen zu einer Wiedervereinigung Deutschlands ging es damals nicht. Das Thema Wiedervereinigung erhielt jedoch besonders im Wahlkampf zur ersten freien Volkskammerwahl in der DDR am 18. März 1990 eine große Bedeutung. Im Eichsfeld südlich von Göttingen waren Forderungen nach einer Wiedervereinigung, anders als in anderen Gebieten der DDR, bereits direkt mit der Grenzöffnung am 9. November 1989 formuliert worden.

Mit absoluter Mehrheit wählten die DDR-Bürger am 18. März 1990 die Parteien, die mit einem schnellen Beitritt zur Bundesrepublik, also der Wiedereinigung geworben hatten. Zu ihnen gehörte auch der Demokratische Aufbruch. Im Anschluss gingen vielen Menschen die folgenden Entwicklungen zu schnell. Für viele Menschen gehörten zu den gewonnenen demokratischen Rechten und vielfältigen neuen Chancen auch Verunsicherungen und Verlusterfahrungen durch berufliche Neuorientierung und Brüche in der eigenen Biografie. Zudem machten viele Menschen aus der DDR nach der Wiedervereinigung Erfahrungen mit westdeutscher Arroganz.

Im Zuge des Einigungsprozesses der beiden deutschen Staaten wandelte sich das Wesen der Partnerschaft auf fundamentale Art und Weise.
Primär wurden die für die Verwaltung relevanten Institutionen der Lutherstadt beim Aufbau und bei der Umstrukturierung nach modernen Gesichtspunkten unterstützt. Außerdem wurden Sonderfahrten mit der Bahn sowohl nach Wittenberg als auch nach Göttingen durchgeführt. Hierbei waren jeweils etwa 600 Bürgerinnen und Bürger beteiligt. Es wurden zahlreiche private Kontakte und Freundschaften geknüpft, die auch heute noch gepflegt werden. An Sportaustauschen nehmen Läufer und Fußballmannschaften teil.
Kontakte bestehen auch zwischen den Sparkassen, Wohnungsbaugesellschaften, Lions Clubs und Kirchenchören aus beiden Städten. Ein besonderer Beweis der Kooperation wird 2002 deutlich, als die Göttinger Bevölkerung die Lutherstadt Wittenberg beim Elbehochwasser und später bei der Sanierung der Cranach-Höfe durch Spendensammlungen finanziell unterstützt hat. Bis heute kann man auf dem alljährigen Wittenberger Weihnachtsmarkt Göttinger Spezialitäten wie die „Göttinger Stracke“ und den „Gänselieselwein“ erwerben. Zudem haben Göttingerinnen und Göttinger die Möglichkeit, am großen Stadtfest-Umzug an „Luther’s Hochzeit“ teilnehmen, bei dem auch die jeweiligen Verwaltungschefs anwesend sind.

Textinhalte zusammengestellt von Laurenz Muigg

Während seines Besuchs am THG beantwortet Herbert Schmidt die zahlreichen Fragen der Jugendlichen

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